Die Handicap WM 2008 in Deutschland.

Endlich! Nachdem über Jahrzehnte keine Angel-WM der F.I.P.S. mehr in Deutschland ausgetragen wurde, hat es der DAV geschafft, mal wieder bei uns international fischen zu lassen.

Als Location hat man sich mit Potsdam sicher eine der schönsten deutschen Städte ausgesucht in der man angeln kann. Das Fischen fand inmitten des Stadtkerns an der "Großen Fahrt" statt. Ein nahezu perfekter Ort für die "Rollis", die Zuschauer und scheinbar auch für die Fangaussichten. Denn alle haben richtig gut gefangen...

 

Der Besuch an der Angelstrecke war zwar mäßig, dafür aber fachlich sehr kompetent. Für mich war es besonders überraschend wie viele andere Rolli-Fahrer das Treiben an der Strecke beobachteten. Das zeigt doch, dass der Angelsport für Behinderte eine ganz wichtige Beschäftigung darstellt, in der sie genauso auftrumpfen können wie die anderen.

Doch bei einer Handicapped-WM machen nicht nur Rolli-Fahrer mit. Man trifft die unterschiedlichsten Behinderungen an, für die es mittels eines ärztlichen Attests Punktzahlen gibt. Jedes Team muss eine feste Grundpunktzahl erreichen. Liegen Einzelfälle über einer Mindestpunktzahl, stehen dieser Person Helfer beim Füttern, Keschern und Aufbauen zur Seite.

An der Strecke konnte man Angler erleben, die mit einem Arm filigraner mit dem Gerät umgehen als wir zweiarmigen "Banditen" es jemals hin bekommen würden. Genau diesen Aspekt des Angelns fand ich hier sehr spannend und ich wurde von einem englischen Rolli-Fahrer bestätigt. "Hier kann man sich Anregungen holen, wie andere mit ähnlichen Problemen, die man eventuell selbst hat, eine Lösung gefunden haben." erklärt er mir. Der eine entdeckt so ein Anbauteil für seinen Rolli, der andere eine Transportmöglichkeit für sein Gerät und der Dritte bekommt den entscheidenden Hinweis, wie er die Kopfrute mit einer Hand am besten bändigt.


Aber auch die nicht-behinderten Zuschauer bekamen einen Sport der Extraklasse geboten. Man konnte aus nächster Nähe zusehen, wie man mit 11 m langen Ruten in 4-5 m tiefen Wasser den Fischen nachstellte. Da fast jeder Teilnehmer nach dem Angeln drei oder mehr Kilogramm Fische zur Waage brachte, passierte auch auf der ganzen Strecke laufend etwas. Das Gute für die Zuschauer: Sie konnten das Treiben von einer Insel (der Freundschaftsinsel mit vielen tollen Pflanzen und Brunnen) sowohl von vorne als auch von der Promenade aus von hinten beobachten.

Die gefangenen Fische wurden übrigens als Hegemaßnahme in Gewässer umgesetzt, in denen der Fischbestand geschädigt ist. Also gab es auch hier einen wichtigen Gewinner - die Fische. Angeln ist nämlich "Hegen und Pflegen" und dazu gehört auch, dass man in einigen Gewässern Überpopulationen von Weißfischen entnimmt und an anderen Gewässern diese heimische Spezies wieder ansiedelt.

 

Die Erfolgreichsten des Wochenendes

Am Ende hatte übrigens das Team aus Tschechien beim Angeln die Nase vorn. Nach einer enormen Aufholjagd am 2. Tag konnten sie noch die Italiener abfangen, die dann Platz 3 belegten. Vizeweltmeister wurde Frankreich. Das gastgebende deutsche Team belegte Platz 6.

Bei den Einzelanglern war Bohumil SEDLÁCEK aus der Tschechischen Republik am erfolgreichsten. Ihm folgten dann Esad SALKIC (Bosnien-Herzegowina) und Ota PETRÁCEK (Tschechische Republik). Bester Deutscher wurde Ralf Töpper auf Position 20.

Die Erfolge der WM

Ein riesen Erfolg der Handicapped-WM war sicherlich, dass man es geschafft hatte, ein internationales Fischen wieder in Deutschland auszutragen. Deutschland nimmt also nicht nur immer international teil, sondern richtet auch mal selbst aus. Sicherlich war es ebenfalls ein Erfolg, alle rechtlichen Hürden in Deutschland zu meistern und viele politische Persönlichkeiten auf seine Seite zu holen.

 

15.08.08, Anmerkung von fangplatz.de: Auf Wunsch des DAV haben wir die folgenden Text-Passage überarbeitet. Außerdem haben wir ergänzende Informationen aus dem Hause des DAV (Auszüge aus dem E-Mail-Verkehr mit dem DAV) auf Wunsch des DAV entfernt.

 

Es bleiben Fragen:

Weshalb waren die gestandenen Angel-Marken, die jahrelang die Fahne des deutschen Friedfischangelns hoch gehalten haben, die auch das Handicapped-Team in der Vergangenheit immer voll unterstützt hatten, nicht zugegen?

Weshalb wusste fast keiner der befragten Zuschauer über den Terminablauf der Veranstaltung Bescheid? Eine der am meisten gestellten Fragen war "Was findet hier denn heute statt?"

Weshalb wechselte immer wieder das Trainer-Gespann des deutschen Teams?

Alles Fragen, die ihre Berechtigung haben!

 

Am Ende hatte man leider das Gefühl, dass bei der Organisation nicht alles ganz rund gelaufen ist und nicht alle (Angelbranche und Verband und Angler) an einem Strang zogen. 

Was wäre das für eine WM geworden, auf der fast alle "Stipper"-Marken Seite an Seite mit dem Verband auf dem am Wochenende kärglich eingerichteten Marktplatz (eine Pommesbude und ein DAV-Anhänger) Geräte ausgestellt hätten und auf einer kleinen Bühne (oder auf einem Anhänger) diese Angelveranstaltung, die Probleme der Behinderten und die Berechtigung dieser Veranstaltung an sich aus der Angeler-Perspektive präsentiert hätten? Hier wären sicher auch Kooperationen mit anderen Vereinigungen toll gewesen.

Weshalb erzählt man dem Publikum nicht (was man zugegebenerweise erst durch gezielte Infomation und Werbung im Vorfeld hätte anlocken müssen), dass die gefangenen Fische in anderen Gewässern für neues Leben sorgen?! Wenn nicht bei so einer Veranstaltung, wann möchten die Friedfischangler dann ihre Sicht der Dinge und damit auch ihre Hegearbeiten präsentieren?!

Wie schön wäre es gewesen, wenn die A-National-Mannschaft dort als Repräsentanten ihrer Sponsoren und des deutschen Friedfischangelns aktiv gewesen wären. Hier ein dickes Lob von meiner Seite an Stefan Posselt. Ohne Aufforderung war der A-Nationalangler trotz seines Anglertreffs-Engagement eine Woche vorher in Süddeutschland wieder bei der WM aktiv und hat dort angefasst, wo ich mir persönlich die anderen National-Spitzenangler und einige DAV-Funktionäre, die auch im Friedfischangeln hochaktiv sind, gewünscht hätte. Gerade bei dieser Veranstaltung, bei der Hilfe sicher gerne angenommen  worden wäre, eventuell auch als Coach des deutschen Teams! Hier hätte man die Einheit der Angler zeigen können.

 

Leider die Chance vertan!

Aus fangplatz-Sicht haben alle, der DAV, die Angelbranche und die Friedfischangler mal wieder eine Möglichkeit vertan, alle Aktiven im Friedfischangeln an einen Tisch zu bekommen. Stattdessen hat man dem Vorurteil über den Angler wieder Nahrung gegeben, dass er eigenbrödlerisch lieber sein Ding machen möchte und stur in seiner Bahn verharrt. Denn die Firmen, die jetzt in den Wirren der Befindlichkeiten ausgestiegen sind, werden sich für die Zukunft ein eventuelles Engagement im nationalem- und internationalem Stippbereich sicher zweimal überlegen. Denn eins hat die Handicapp-WM auch gezeigt: Die Angelindustrie braucht keine Stippangler, aber die Stippangler brauchen die Angel-Industrie. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

Die Stippermesse in Bremen und viele Veranstaltungen aus privater Initiative (z.B. das Hegeangeln in Oberzella) haben gezeigt, dass es besser geht. Man hatte "ja nur" ein paar Jahre Zeit, alles vorzubereiten und man hätte sich an so viel Wissen, Engagement und Erfahrung bedienen können... ;-)

Schade, man hat es mal wieder nicht getan und so war die Handicap WM leider nur ein fast ganz normales Hegefischen...