Shimano-Cup 2007: Ein Weltmeister kämpft mit dem Silokanal… (Teil 2)

So, der erste Angeldurchgang war gelaufen! Einige Gesichter, die man vorne erwartet hatte, haben sich auch wieder wie selbst verständlich oben fest gesetzt. Mit dabei Harald Windel. Er hat in den letzten 12 Monaten sicherlich den größten Schritt Richtung Spitzenangler gemacht.

War er 2006 im fangplatz-Video noch etwas negatives Beispiel in Sachen Kopfruten-Handling so hat er mittlerweile viele seiner Schwächen überarbeitet und mit praktischen Übungen in den Griff bekommen. „Das ist sicher auch eine Frage des Charakters“ schilderte er mir seine damalige Gedankenwelt, als er mein Video sah. „Natürlich ist es nicht angenehm, wenn man so dargestellt wird. Aber was sollte ich machen? Es sah halt extrem mies aus und ich beschloss dann ja auch, daran zu arbeiten. Im Nachhinein bin ich der ganzen Sache dankbar. Viele Gespräche mit dir und vor allem mit meinem Freund Michael Schlögl haben mir geholfen es besser zu machen.“

Das ist Harald tatsächlich auch gelungen! Seine Erfolge und seine Konstanz in der Angelsaison 2007 geben ihm Recht!

Unser Shimano-Weltmeister konnte sich am ersten Tag leider nicht oben festsetzen. Schon am Wasser prophezeite er mir nach dem ersten Durchgang: „Michael, after dinner we have to work!“. Ich war gespannt was auf mich zu kam…

Abendessen mit Experten-Gesprächen.

Um 19 Uhr trafen wir uns zum Abendessen. Nach ein paar Plenkereien kam Alan ganz schnell zum Thema „Michael, ich war heute ganz und gar nicht zufrieden mit mir!“ gab er ohne Aussschweifen seine aktuelle Gefühlslage preis. „Das lief alles ganz anders als erwartet. Wir werden das nachher mal analysieren müssen..“

Nachher? Wir fingen praktisch jetzt schon an! Alans Freund, der niederländische Spitzenangler Jan Zekvelt (es gibt nichts, was er in seiner Heimat noch nicht gewonnen hat) war mit dabei. Und schon ging die Runde los:

Wie wurde an der Strecke gefüttert? Was wurde dabei gefangen? Was waren die Strategien? Welche Köder? Wer? Wo? Wie? Was? Mit welchem Erfolg?

Wie verläuft die Steinpackung? Sind Schiffe gut oder schlecht? Wie wird morgen der Schifffahrtsverkehr sein? Ist das Wasser immer so klar oder auch mal trübe? Wie sieht es mit dem Strömungsverhältnissen aus? Was sind das für Einlaufrohre?

Jetzt kam ich aber richtig ins Rödeln… Platz A1 fing viele kleine Fische. Was hat der gemacht? Wie sah es in B5 aus? OK, ein Platz weiter unter Alan wurden dann auch Rotaugen mit der Bolo gefangen…

Natürlich hatte Alan es mit der Bolo auch gleich nach dem Angeln probiert und auch er fing.
Macht morgen also eine Rollenruten-Strategie Sinn oder wird es ganz anders sein, weil der „Überraschungseffekt“ vom Tag 1 weg fällt? Muss man sie Platzabhängig aufbauen? Welche Plätze kommen dafür in Frage? Lang-lang – wann, wo, wie weshalb?
Alles, aber auch wirklich alles wurde in Frage gestellt und ausgiebigst ausdiskutiert. Zusammen genommen Fragen über Fragen und für jeden Bereich der Strecke eigene Antworten.

Alles wurde zusammen fein säuberlich notiert und einzeln für sich akribischst ausgewertet. Am Ende lag uns der Silokanal, wie ein offenes Buch vor der Nase.
Für jeden Platz-Bereich lag die passende Strategie für Futter, Köder, Angeltechnik und Verhalten parat. Dieser Zettel war jetzt Gesetz für alle und von nun an gab es keine Diskussion mehr! Jan, Claus und Alans Frau wurden kurzerhand mit ins Konzept aufgenommen, so dass jeder perfekt für morgen gerüstet war. Futter oder Aromastoffe? Nicht ein Wort wurde darüber verloren. Das war wohl für jeden gesetzt.
Danach wurde das Thema dann gewechselt und man redete – natürlich – wieder über Angeln. Was sind die besten Veranstaltungen auf der Insel und weshalb die jungen englischen Angler nicht weit laufen möchten…
Alan taute jetzt etwas auf und der 2. Tag konnte starten…

Der zweite Angeltag:

Im Morgennebel trafen sich wieder alle 250 Teilnehmer direkt am Kanal. Es folgte die wichtigste Aktion des Tages. Die Platzverlosung.

Am Wasser sah dann wieder alles bei Alan und Co. sehr einfach aus: Es wurde ein Los gezogen, man sprach sich mit 1-2 Sätzen ab und schon war die Sache für jeden geritzt. Die Hausaufgaben waren ja gestern Abend akribisch gemacht und jeder wusste, was er zu machen hatte und ich war mir noch nie im Leben so sicher, dass alle Herren eine solide Geschichte aufs Silokanal-Parkett hinlegen würden.

Alan saß im B-Sektor. Eine sehr faire Sache! Alle Plätze waren nahezu gleich gut. Der Fisch war schwer zu bekommen, aber es war fair. Und damit dann auch noch ein wenig Salz in die Suppe kam, saßen Jan, Alan, Harald Windel (deutscher Auswahlangler) und Thomas Pruchnowski (deutscher Auswahlangler) alle schön zusammen in diesem verzwickten B-Sektor. Das konnte lustig werden…
Claus hatte es hingegen direkt in Sektor D verschlagen. Also musste er auch an die Brassen kommen, womit er sich aus meiner Sicht immer etwas schwerer tut als wenn er seine Rotaugen-Strategien auspacken kann. Neben Claus saß gleich „Mrs. Scotthorne herself“. Sie fischte das erste Mal am Silokanal und musste sich mit den, aus englischer Sicht, sehr groben Angeltechniken erst anfreunden.
Das Angeln begann! Bei Harald Windel sah man ganz deutlich, dass er ebenfalls seine Hausaufgaben gemacht hatte. War am Vortag für ihn in Sektor D die 13m Stange erste Wahl, so kam heute in B sofort die Bolorute zum Einsatz.
Alan fischte wieder mit 13 m und versuchte sporadisch die großen Fische mit der Bolorute zu ergattern. Genau dieselbe Strategie setzte Jan ein. Kein Wunder! Es war am Vorabend ja auch genauso vereinbart worden. ;-)
Mein Fokus war also für heute auf Sektor B und Sektor D gelegt…

Was passierte in Sektor D?

Claus saß schon ganz vorne im Sektor. Dieses Mal baute er keine Matchruten auf. Weshalb auch? Es war Brassenspaß angesagt. Der Platz war zwar nicht so ganz optimal, aber es wird schon reichen. Neben ihm saß gleich Mirek Laskowski, der ja schon am Vortag in Sektor D fischte wie ausgewechselt. Er hatte die lang-lang Strategie an der 9m Kopfrute gewählt. Ein Hinweis, dass er wahrscheinlich etwas weiter draußen angeln würde als die verkürzten 13m-Leute, die ihn mit Claus Müller und Lars Lindemann einrahmten.

Wieder wurde zu Beginn der Futterphase reichlich klebriges Futter mit viel Lebend-Anteil und Hanf versenkt. Nach der Futterphase kamen die obligatorischen Rotaugen, die mit Verlauf des Fischens dann größer wurden. Darauf folgten die Brassen. Doch schon beim Angeln erschien es mir, dass Mirek immer etwas schneller an den Fisch kam als Lars oder Claus. Es war wie ein Hase und Igel-Spiel. Dann machte Mirek aber langsam aber sicher einen für mich zunächst nicht verständlichen Fehler. Er angelte immer näher am Ufer, dafür aber weiter stromab. Seine Fütterung verlagerte er ebenfalls näher an die 13m Bahn. Weshalb nur das? Jetzt begann er aus meiner Sicht damit, seine Nachbarn stark zu machen! Und es kam der Punkt, an dem sich die Brassen auch bei Claus und Lars mit einstellten. Jetzt fingen alle drei recht ordentlich. Doch am Ende hatte Mirek seinen in der ersten Stunde heraus gefischten Vorsprung doch über das Endsignal gerettet. Das hätte auch anders ausgehen können…

Ganz knappe Sache in Sektor B!

Hier ging es von der ersten Minuten ganz ganz knapp zu! Wer Fisch aushakte, spielte mit einer vorderen Platzierung. Alle Beteiligten waren exzellente Fischer, die sich schnell vom Rest absetzen. Vorne weg Harald Windel von Mosella und Nico Matschulat vom Moritz-Team, die beide das Feld beherrschte. Dann wurde es von Platz 3 bis Platz 6 ganz ganz eng (80 Gramm entschieden)! Alan landete mit 4880 Gr. auf dem sechsten Platz.

Wie sah es in Sektor A aus?

Hier saß ja noch mein potenzieller Überraschungs-Champ Helmut Klug. Der Gute hatte einen Endplatz und machte sich zum Beginn des Fischens ganz klamm heimlich auf zu „seinem“ Platz. Er wusste natürlich, dass er beste Chancen hatte, ganz weit nach vorne zu kommen. Schon am Vortag kam hier eine super Platzierung her. Und jeder, der Helmut kennt, wünschte es ihm von Herzen. Er sagte noch Wochen vor dem Angeln: „Michael, weißt du? So ein Gewinn von einem Shimano-Cup oder so, irgend wann einmal. Das wäre es noch mal!“.

Auch im A-Sektor setzte Helmut wieder auf die lange Schnur. Der Sektor war genauso unregelmäßig wie am Vortag. Trotzdem gelang es Helmut, seine Fische zu fangen. Kein Wunder, kam ihm die Angeltechnik doch ganz gewaltig entgegen, angelt er doch so jeden Winter in „seinem“ Duisburger Hafen. Das Endresultat war Sektorplatz 2 und nach meiner kurzen Kalkulation wusste ich, dass er es damit gemacht hatte. Glückwunsch Helmut! Es hätte keinen Besseren treffen können!

Sektor C wurde zu einer unwichtigen Nummer…

Da sich die Spitzen-Kontrahenten in Sektor A, B und D tummelten, war es in Sektor C nicht ganz so spannend. Lediglich Jens Marek (Fishing Tackle Max – Tubertini) und Frank Weise (Rod’s World) hatten die Möglichkeit, sich weit nach vorne zu fischen. In dem Sektor ging der Erfolg auch nur über die Bolorute. Ein Fakt, den Jens etwas Tribut zollen musste, zerlegte er doch seine Bolo-Montagen und musste daher eine ganze Zeit anders fischen, als es optimal war. Das kostete ihm wahrscheinlich am Ende eine bessere Platzierung. Frank Weise machte hier heute eine starke Platzziffer 4 und sicherte sich so den 5 Gesammtplatz.

Fazit:

Wenn das Angeln für den einen oder anderen Teilnehmer nicht ganz so optimal gelaufen ist, so war es aus der fangplatz-Perspektive sehr interessant und lehrreich. Ich konnte lernen, wie sich die anerkanntermaßen besten Angler der Welt am eigenen Schopf wieder aus dem Sumpf ziehen können und dabei wirklich nie aufgeben – ganz im Gegenteil! Außerdem war ich darüber erfreut, wie eng das Teilnehmerfeld dieses Jahr zusammen gerückt war. Einige behaupteten, dass es am fangplatz-Video über die Angeltechniken am Silokanal lag. Ich denke aber, es lag viel mehr an den Anglern selbst. ;-)

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass sich unsere genaue Arbeit in der Analyse vom Vortag ausgezahlt hatte. Ganze 2 Tage Angeln reichten Alan am Ende aus, um eine passende Strategie zurecht zu legen. Auch die anderen Gruppenmitglieder lgen alle ganz weit vorne im Teilnehmerfeld. Hätte es eine Mannschaftswertung gegeben, dann... Die Geschlossenheit MIT dem Sachverstand ist der Schlüssel zum Erfolg! In beiden können wir Deutschen noch eine Menge dazu lernen!!!
Würde man Alan jetzt noch 1-2 Tage mehr Zeit geben, dann hätte er alles zusammen, um am Silokanal regelmäßig vorne dabei zu sein. Die Chance, dass das im nächsten Jahr so sein wird, stehen sehr gut! Denn er hat alle Erkenntnisse mit genommen und in sein „goldenes Buch“ mit aufgenommen. „Nächstes Jahr kommen wir wieder und wenn es die Zeit zulässt, werden wir hier noch vorher ein wenig mehr zur Vorbereitung fischen!“ sagte er mir nach dem Angeln.

Ohne Zweifel! Alan ist vom Silokanal-Fieber gepackt und nächstes Jahr wird er wieder kommen (und evtl. erleben, dass der Kanal auch von Tag zu Tag anders ticken kann). ;-)
Ich habe ihm aber schon mitgeteilt, dass seine Chancen jetzt vorbei sind hier zu gewinnen, denn ab jetzt werde ich selbst auch mal mit fischen! Er wusste nicht, ob er mir das jetzt ernsthaft abnehmen oder laut los lachen sollte. Am Ende entschied er sich für das Letztere.
Aber wie heißt es so schön: „ Wer zuletzt lacht, der lacht am besten!“
Noch bin ich optimistisch, doch nach dem Shimano Cup 2008 werde ich mir wieder meine Wunden lecken, aber dafür auch wieder ein Stück klüger sein! Denn Angeln besteht nicht aus verbissenen Erfolg, sondern einfach am Spaß am Hobby! Wer das nicht verinnerlicht wird niemals richtig erfolgreich sein! :)

Euer
schummi

Zu den Fangergebnissen des Shimano-Cups 2007 (pdf).

Impressionen Shimano Cup 2007